Bachelor oder Master – welcher Weg ist der richtige?

Ingenieurstudiengänge an Technischen Universitäten nach Bologna: Welche Erfahrungen haben die Hochschulen mit dem neuen Bachelor-/Master-System gemacht? Und sind die neuen Absolventinnen und Absolventen fit für den Arbeitsmarkt?


Studierende am Campus der TUM (Foto: Andreas Heddergott)

Studierende am Campus der TUM (Foto: Andreas Heddergott)

Die Umstellung der früheren Diplomstudiengänge auf das Bachelor-/Master-System hat in Ingenieurbüros, Firmen, Universitäten, bei Eltern und künftigen Studierenden unterschiedliche Reaktionen ausgelöst: von konstruk-tiven Diskussionen über hoffnungsfrohe Erwartungen einer Verkürzung der Studienzeit und eines rascheren Einstiegs der Absolventen in die Wertschöpfung bis hin zu Verunsicherung und Ängsten. Einige Meinungsbildner sehen noch heute im Bologna-prozess, der auf der Vision eines europäischen Hochschulraums fußt, ein weiteres Element der Globalisierung, das man vorsorglich besser ablehnen sollte. Prophezeiungen, man könne mit einem dreijährigen Bachelorstudium die Kompetenzen aufbauen, für deren Vermittlung vorher viereinhalb Jahre nötig waren, wenn man nur die Lehre besser, motivierender und effizienter gestaltet, haben sich genauso wenig bewahrheitet wie die des Verlustes deutscher Ingenieurkunst. Inzwischen sind viele Jahrgänge mit den neuen Abschlüssen in der beruflichen Praxis angekommen und leisten – genau wie ihre Vorgänger – gute und kreative Arbeit.

Weiterentwicklung von Studienangeboten und -formaten

Die ingenieurwissenschaftlichen Fakultäten der Technischen Universitäten haben zur Aufgabe, talentierte junge Menschen so auf die Zukunft vorzubereiten, dass sie in den kommenden Jahrzehnten heute schon sichtbare, aber auch noch völlig unbekannte Herausforderungen meistern und eine Vorreiterrolle einnehmen, wenn es darum geht, neue Fragen und Chancen zu erkennen. Dazu denken die Universitäten ständig über die Neusortierung und Aufbereitung der rasant wachsenden wissenschaftlichen Erkenntnisse und relevanten Inhalte nach.

Dabei gilt: Bei zunehmendem Expertentum wächst auch der Bedarf an disziplinüber-greifenden Angeboten. Zwischen den Spezialgebieten müssen Brücken entstehen, gemeinsame Fundamente, Denkmuster und Sprachen identifiziert werden. In einer kritisch hinterfragenden, reifen, demokratischen Gesellschaft müssen zudem in den Technikdisziplinen – weit mehr als früher – Anforderungen an Kommunikation und ganzheitliche Betrachtungen sowie die Weiterentwicklung gesellschaftlicher Normen reflektiert werden.

So entstanden laufend neue Berufsprofile, wie aktuell zum Beispiel die branchen-übergreifend wichtigen Experten in computergestützten Simulationen, Ingenieure mit spezieller Kompetenz in Energiefragen und Umweltingenieure an der Schnittstelle zu gesellschaftlichen Leitfragen.

Die Sortierung und Justierung der Inhalte bleibt auch künftig eine anspruchsvolle Daueraufgabe, da die Aufnahmekapazität menschlicher Individuen nicht in gleichem Maße wächst, wie sich unser Wissen und die gesellschaft-liche Randbedingungen laufend ändern. Die Aufgabe ist nicht einfach: Bei einer Einengung eines Studiengangs auf ein aktuell relevantes, eng begrenztes Spezialgebiet des Ingenieurwesens besteht die Gefahr, dass die erworbenen Kompetenzen – und die zugehörige Berufsbezeichnung – perspektivisch nicht tragfähig, ja sogar „modisch“ sind. Wer würde heute noch gerne den Abschluss „Ingenieur für Atomkraft“ auf der Visitenkarte tragen, der vor 35 Jahren vielleicht noch attraktiv gewesen wäre? Aber auch ein oberflächlich aufgestellter Generalist ohne das Fundament solider Grundlagen wird kritischen Herausforderungen nicht gerecht. Bei alldem müssen auch noch die begrenzten Zeitfenster eines Studiums bedacht werden.

Verantwortungsvoller Umgang mit Bologna

Die Fakultäten der Ingenieurwissenschaften an den meisten deutschen Universitäten haben im Bewusstsein dieser Aufgaben die Bologna-Ziele geschickt umgesetzt. Sie waren sich bewusst, dass der große Erfolg deutscher Ingenieurkunst traditionell auf einer sehr guten Ausbildung an den Technischen Universitäten basiert, einer starken Industrie und einem Bildungssystem mit diversifizierten hervorragenden Formaten, dessen Qualität durch einige bestechende Indikatoren, zum Beispiel die sehr niedrige Jugendarbeits-losigkeit, eindeutig belegt wird. Vor diesem Hintergrund wäre es unverantwortlich gewesen, sich von Bildungstheoretikern unter dem von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) proklamierten Primat einer hohen Akademiker-quote in die Irre führen zu lassen, oder denjenigen zu glauben, die laut proklamierten, man könne die Kompetenzen, die früher in Diplomstudiengängen vermittelt wurden, über deutlich kürzere, optimierte Studienformate vermitteln. Systeme, die in anderen Ländern nachweislich zu weniger Erfolg in den Ingenieurdisziplinen führen, durften keinesfalls blind übernommen werden. Es war an den Fakultäten also klar, dass kein Bruch, sondern eine Weiterentwicklung eines sehr guten Systems zur Diskussion stand. Dabei waren folgende Elemente zentral:

1. Für unsere weltoffene Jugend und die zunehmend kleinere Welt muss die Mobilität unserer Studierenden gefördert werden. Das European Credit Transfer System, standardisierte Formate für die Beschreibung der in Lehrmodulen erworbenen Fertigkeiten und Kompetenzen sowie die Umstellung auf das zweistufige Bachelor-/Master-System tragen dieser Anforderung Rechnung. Freilich sind wir bei Weitem noch nicht am Ende und haben noch einige konkrete Hausaufgaben: So behindern zum Beispiel die noch nicht synchronisierten Semesterzeiten in Europa unnötig die Mobilität.

2. Aufgrund der immer komplexer werdenden Sortierung der wissenschaftlichen Inhalte ist das an den meisten Technischen Universitäten praktizierte System anspruchsvoller, breiter, grundlagenorientierter Bachelor-studiengänge und diversifizierter Inhalte im Masterstudium – vom Spezialgebiet bis zum interdisziplinären Querschnittsthema – goldrichtig. Im Bachelor wird das für ein Ingenieurverständnis zwingend nötige Handwerkszeug in Form von Mathematik und wichtigen Theoriefächern erworben, ohne das jede Spezialisierung auf tönernen Füßen steht. Ein leichtes „Anwärmen“ im Bachelor und eine Verschiebung der schwierigen Grundlagen in den Master hätten unser System auf den Kopf gestellt und das Pferd von hinten aufgezäumt.

3. Im Bachelorstudium haben unsere Studierenden die Chance, ihre spezifischen Talente und Interessen zu identifizieren. Das Masterstudium wiederum ermöglicht den Technischen Universitäten in besonderem Maße, zielgerichtet neue Profile sowie inter- und transdisziplinäre Formate zu entwickeln. Auch können hier gemeinsam mit ausländischen Universitäten organisierte Masterstudiengänge sehr gut integriert werden.

4. In 15 bis 20 Jahren wird die Bevölkerungskohorte der jetzt 45- bis 50-Jährigen mit ca. 1400000 Menschen pro Jahrgang durch Jahrgänge mit weniger als 700000 Menschen abgelöst. Eine weiterhin leistungsfähige Volks-wirtschaft vorausgesetzt, wird damit der Bedarf an Ingenieurinnen und Ingenieuren nicht zu decken sein. Für unsere Volkswirtschaft wäre es ein Segen, wenn sich mehr ausländische Talente für unseren Arbeits-markt interessierten. Internationale englischsprachige Masterstudiengänge ermöglichen Studierenden aus dem Ausland, in einer prägenden Phase unser Land und unsere Gesellschaft kennenzulernen.
Im Verbund mit deutschsprachigen Bachelorstudiengängen gelingt so „nebenbei“ für unsere deutschen Studierenden der Spagat der Fachsprachkompetenz in englischer und deutscher Sprache, der im Berufsleben mit zunehmend inter-nationalen Projektteams, besonders in einem vom Export abhängigen Land, geleistet werden muss. Hier liegt eine enorme Chance, wie sie bei einzügigen Diplom-Studiengängen so nicht gegeben war.

Auf den Master nicht verzichten 

Die Erfahrung der letzten Jahre zeigt, dass Bachelorabsolventen aus universitären Studiengängen sich gut in ein berufliches Umfeld einfinden können. Bei immer kleiner werdenden Jahrgängen und einem zunehmenden Mangel an Nachwuchsingenieuren besteht damit sogar die reale Gefahr, dass Wirtschaft und Politik, zugunsten eines frühen Einstiegs ins Erwerbsleben, unseren jungen Talenten die Abrundung im Master erschweren oder gar ausreden. Mitunter geschieht dies schon heute, mit dem beschwichtigenden Hinweis, dass man jederzeit noch einmal studieren könne – freilich ohne wirklich tragfähige Konzepte anzubieten, wie mit zunehmendem Alter und familiären wie finanziellen Verpflichtungen ein „Zurück zum Studium“ finanziert und in die Lebensplanung integriert werden kann.

In unserem Land hängt die Zukunft maßgebend von kreativen, kompetenten Leistungsträgern ab. Die Architektur der Studienformate einer Technischen Universität orientiert sich am dafür erforderlichen Kompetenzerwerb, der über die spezifischen Charakteristika des Bachelor- und Masterstudiums, unter den engen zeitlichen Vorgaben, optimal vermittelt werden kann. Beide Studienformate müssen für Studierende an Technischen Universitäten der übliche Weg sein. Warum sollte ein junger Mensch, der drei bis vier Jahre nach dem Abitur, im Alter von 20 bis 25 Jahren mit einem Bachelorabschluss seine intellektuellen Fähigkeiten, sein Talent und sein Interesse für ein anspruchsvolles Fach unter Beweis gestellt hat, auf die Abrundung seiner Kompetenzen und die individuelle Schwerpunktsetzung im Master verzichten? Dort wird er sein persönliches Profil entwickeln, seinen fachüber-greifenden Blick schulen und weiter an Weltoffenheit und Internationalität gewinnen. Zu keinem Zeitpunkt ist der Hebel für eine gute berufliche Orientierung, für persönliche Entfaltung und Reife größer.

 

1 Kommentar zu “Bachelor oder Master – welcher Weg ist der richtige?”

  1. Tutor

    Hallo,
    das ist immer eine gute Frage. Ich denke nicht, dass das Salär entscheiden soll, ob man einen BA oder MA macht. Ich denke, dass ist von Fach zu Fach auch unterschiedlich. Jeder sollte schauen, was am meisten Sinn für einen selber macht.

    Antworten

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