Lebenslanges Lernen

In den letzten Jahren wurden in Deutschland hohe Fördersummen in den Ausbau der Strukturen lebenslangen Lernens an Hochschulen investiert. Vorher war dieser Sektor weitestgehend privaten Trägern überlassen worden. Was bewegt die Politik eigentlich dazu, Bildungsangebote über die grundständige Hochschulausbildung hinaus an Universitäten und Fachhochschulen zu fördern?


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Lebenslanges Lernen – Ein Thema, das zunehmend an Bedeutung gewinnt. (Foto: www.photocase.de)

Zunächst lässt sich der demographische Wandel als Argument heranziehen: Die Bevölkerungszahlen gehen zurück, gleichzeitig steigt der Bedarf an Fachkräften. Um diesen zu decken, müssen sich qualifizierte Berufstätige und Akademiker im Berufsumfeld  wissenschaftlich fundiert weiterbilden. Ein Anforderungsprofil für die Ausbildungsstätten, dem im besonderen Maße Universitäten und Fachhochschulen gerecht werden. Andersherum scheint es aus Perspektive vieler Universitäten langfristig notwendig, neue Zielgruppen zu erreichen, um die gegenwärtigen Studierendenzahlen aufrecht zu erhalten. Dass der demographische Wandel jedoch nur langfristig als Argument gelten kann, zeigen die aktuellen Hochrechnungen der HIS – so ist durch das Ansteigen der Studierendenquote zumindest bis 2025 kein signifikanter Rückgang der Studierendenzahlen zu erwarten.

Ein triftigeres Argument liefert der Blick über den nationalen Tellerrand. In anderen Industrienationen, beispielsweise im skandinavischen Raum oder im United Kingdom, ist lebenslanges Lernen schon sehr lange selbstverständlicher Teil der Hochschulkultur. Die Studienangebote an Universitäten sind in der Regel sehr zugangsoffen gestaltet und werden dementsprechend gut angenommen – nicht nur von Schulabgängern, sondern z.B. auch von Berufstätigen. Nicht zuletzt durch die größere Heterogenität der Studierendenschaft sind die Bildungsangebote oftmals viel enger mit den gesellschaftlichen Anforderungen an Kompetenzentwicklung verzahnt. Fachkräfte werden nachhaltiger und zielgerichteter auf ihre Karrieren vorbereitet und in deren weiterem Verlauf mit Bildungsangeboten begleitet. So kann das Qualifikationsprofil stetig an die spezifischen gesellschaftlichen Anforderungen angepasst werden.

Damit dies auch in Deutschland gelingt, können an den Hochschulen zunächst verschiedene Maßnahmen und Formate forciert werden: die Anrechnung außerhochschulisch erworbener Kompetenzen, die Förderung nicht traditioneller Hochschulzugangsmöglichkeiten oder die Ermöglichung flexibler Lernwege (z.B. Teilzeitstudium oder berufsbegleitendes Studium). Um aber nachhaltig und erfolgreich Lernen über die gesamte Lebensspanne zu ermöglichen, muss auch ein kultureller Verständniswandel erfolgen: Lebenslanges Lernen wird in Deutschland bisher mit „wissenschaftlicher Weiterbildung“ gleichgesetzt. Diese ist stets streng von der grundständigen Lehre und dem „eigentlichen“ Bildungsauftrag getrennt. Damit wird aber gerade eine Grundidee des lebenslangen Lernens verfehlt, nach der Bildungsangebote vom ersten Semester an auf die heterogenen und sich verändernden Lebenswirklichkeiten der Studierenden eingehen und die unterschiedlichen Hintergründe und Erfahrungen didaktisch nutzen sollte. Findet diese Ansicht Eingang in die deutsche Hochschulkultur, kann lebenslanges Lernen zur dritten Säule der Hochschulbildung werden.

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