„Meine Aufgabe ist es, der Lehre ihren Wert zu geben“

Prof. Pascal Berberat, von Hause aus Chirurg, hängte vor einigen Jahren seinen Arztkittel an den Nagel, um Ausbildung und Lehre im Medizinstudium an der TUM zu verbessern. Als Direktor des TUM Medical Education Center und Inhaber des neuen Lehrstuhles für Medizindidaktik, medizinische Lehrentwicklung und Bildungsforschung ist er für die Organisation und die Professionalisierung der ärztlichen Ausbildung an der TUM verantwortlich. Im Interview erläutert Berberat, weshalb nur ein Kulturwandel die Hochschullehre nachhaltig verbessern kann.


Was macht gute Lehre aus?

Berberat: Gute Lehre hat mit Technik zu tun und mit System, also etwa mit Didaktik und Curriculumsentwicklung. Wichtig ist die Einsicht, dass Lehre nichts ist, was man so nebenher beim Kaffee bespricht und dann macht man es einfach. Denn auch in der Lehre ist vieles evidenzbasiert, d.h. es stützt sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse. Weiterhin ist gute Lehre weitestgehend erlernbar. Nur leider wissen das viele unserer Dozenten nicht. Sie machen es dann so, wie sie es selbst im Studium erlebt haben oder wie sie es spontan für richtig halten. Und das ist eine meiner Hauptaufgaben: rund 500 Lehrenden an der Fakultät für Medizin – vom Assistenzarzt bis zum Chefarzt oder

Prof. Pascal Berberat, TUM (Foto: Andreas Heddergott)

Prof. Pascal Berberat, TUM (Foto: Andreas Heddergott)

Professor – didaktische Kompetenzen zu vermitteln und sie in ihrem täglichen Tun in der Lehre zu unterstützen.
Doch das ist nur das Eine: man kann viel organisieren, aber das Wesentliche sind die einzelnen Hochschullehrer/innen selbst und deren Haltung. Denn Lehre an der Hochschule darf kein Abfallprodukt sein, so nach dem Motto „das muss man eben auch noch machen“. Es ist wichtig, dass man ein genuines Interesse an jungen Menschen hat, die in einer extrem wichtigen Phase ihrer Entwicklung zu uns kommen. Wir sind privilegiert, sie dabei begleiten zu dürfen. Ich glaube, wenn wir das ernsthaft machen, mit Leidenschaft, Authentizität und einer gewissen Prise Neugier – dann leben wir das, was mit Universität gemeint ist.

 

Was tun Sie an der Fakultät für Medizin, um die Lehre zu verbessern?

Berberat: Wir versuchen unsere Dozenten auf allen Ebenen zu erreichen. Jeder Arzt und jede Ärztin die hier anfängt, muss einen halben Tag mit uns, dem medizin-didaktischen Team, verbringen. Dabei bringen wir ihnen unsere Philosophie näher und erklären ihnen, wie bei uns die Lehre abläuft. Außerdem geben wir den Ärzten im Rahmen von Dozentenschulungen Tipps und Tricks mit auf den Weg, wie sie ihre Lehre effektiv organisieren können. Die Schulung ist für alle verbindlich, die hier in unserem Klinikum anfangen. Das ist die niedrigste Stufe. Dann haben wir noch ein Dozententraining mit 60 Unterrichtsstunden, bei dem man am Ende das „Zertifikat Hochschullehre Bayern“ erhält. Das ist bei uns jetzt die Bedingung, dass man eine Habilitation machen kann. Es geht in der Habilitation also nicht mehr allein um die Forschung, sondern auch darum, ein guter Hochschullehrer zu sein.

 

Was können die Hochschulen tun, um gute Lehre zu fördern?

Berberat: Die Hochschulen müssen der Lehre den Wert geben, den sie haben sollte. Denn vieles was wir hier im Moment tun entspricht einer Feigenblattmentalität: wir machen dort einen Kurs, machen hier ein Symposium, usw. Aber es wird sich erst etwas ändern, wenn nur diejenigen an der Universität Karriere machen, die die Lehre genauso ernst nehmen wie die Forschung. Die Lehrenden müssen persönlich die Haltung haben, dass die Lehre eine große Bereicherung für sie ist, und eine wichtige Aufgabe. Und davon sind wir noch deutlich entfernt. Wir reden viel darüber und wir haben schon  Fortschritte gemacht, aber wir sind noch lange nicht am Ziel angekommen.
Was wir brauchen ist ein Kulturwandel – aber das kann natürlich nicht in ein oder zwei Jahren geschehen. Man kann nichts mit der Brechstange erzwingen, aber ich bin trotzdem sehr zuversichtlich. Die meisten hier haben grundsätzlich ein Interesse an der Lehre, aber die Umstände – gerade in der Medizin mit der Dreifachbelastung klinische Versorgung, Forschung und Lehre – müssen einem bewusst sein. Und steter Tropfen höhlt den Stein. Ich glaube das ist meine Aufgabe: unsere Ärzte und Ärztinnen immer wieder daran zu erinnern, dass Lehre wertvoll ist und hier auch zu unseren wichtigsten Aufgaben gehört.

 

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