Praxisnahe Einführung in ein komplexes Lehr-Lern-Format

Wie kann ich als Lehrende bzw. Lehrender Studierende anleiten in die Rolle von Forschenden zu schlüpfen? Die Humboldt-Universität Berlin hat einen Leitfaden für Lehrende zum Thema „Forschendes Lernen“ herausgebracht, den Matthias Fischer in seinem Artikel vorstellt.


Forschendes Lernen ist, wie es das Autorenteam des Leitfadens definiert (S. 13), „[…] eine Lehr-Lernform, bei der die Studierenden eine selbst entwickelte Fragestellung verfolgen und dabei den gesamten Forschungsprozess durchlaufen.“ Studierende schlüpfen also explizit selbst in die Rolle von Forschenden und durchlaufen den gesamten Forschungsprozess. Konsequenterweise sollten Studierende frühzeitig selbst aktiv werden, was sich durch den kompletten Leitfaden des Teams um Sabine Sonntag zieht, der sich dezidiert dem „Forschenden Lernen“ in seiner Anwendung verschrieben hat. Gleichzeitig wird an vielen Stellen darauf hingewiesen, dass in einem solchen Setting auch die Rolle der Lehrpersonen nicht minder wichtig wird. Während des Forschungsprozesses begleiten sie die Studierenden wesentlich intensiver als in konventionellen Lehrsettings.

„Forschendes Lernen“ Schritt für Schritt erklärt

Der Leitfaden ist gut strukturiert: Ausgehend von einer Definition und der Beschreibung von Grundcharakteristika dieser besonderen Lehr-Lern-Form (Teil A; S. 13-15) erfolgt die schrittweise Durchwanderung eines exemplarischen Forschungszyklus‘ (Teil B; S. 17-39) – jeweils mit Leitfragen an die Lehrperson für den Fall der konkreten Umsetzung. Sämtliche Schritte sind ausführlich beschrieben und an den richtigen Stellen mit Illustrationen untermalt. Forschendes Lernen wird dabei in diesem Leitfaden keinesfalls als „Wundermittel“ (S. 9) gegen sämtliche strukturelle Probleme der deutschen Hochschullandschaft gesehen. Vielmehr wird immer wieder deutlich, dass es sich um ein komplexes Lehr-Lern-Format handelt, dessen Stärken besonders dann zum Tragen kommen, wenn es von der Lehrperson stimmig durchkomponiert wird. Als Abschluss des inhaltlichen Teils wird Forschendes Lernen anderen problem- und forschungsbasierten Lehr-Lernformen gegenübergestellt (Teil C; S. 41-51). Kernaussage ist, dass Forschendes Lernen nicht in sämtlichen Kontexten gleich gut einsetzbar ist, stattdessen jedoch andere Lehrformen infrage kommen. Vielleicht wäre hier noch eine pragmatische Einordnung dahingehend interessant gewesen, welche Möglichkeiten das AutorInnenteam für vielbeschäftigte Lehrpersonen mit strukturellen Zwängen sähe, Forschendes Lernen vielleicht in Teilen dennoch in ihre Lehre einfließen zu lassen, um angesichts des hohen Komplexitätsgrades, den eine komplette Seminargestaltung erfordert, nicht von vornherein abgeschreckt zu werden.

Umfangreiche Material- und Methodensammlung

Die zweite Hälfte des Leitfadens bietet eine umfangreiche Material- und Methodensammlung. Zunächst wiederholt eine Checkliste die wichtigen Fragen, die sich Lehrpersonen im Seminarverlauf stellen können, aus dem inhaltlichen Teil (S. 55-58). Durch einen beispielhaften Semesterplan (S. 59-61) wird anschließend die mögliche Umsetzung im konkreten Seminarkontext skizziert und die Subsektion schließt mit einem Blatt zur Rollenreflexion (S. 62/63) sowie exemplarischen Bewertungskriterien (S. 65/66). Nachdem in den anschließenden Tipps (S. 69-76) v.a. die Wichtigkeit der Auflockerung zu Seminarbeginn und des regelmäßigen Feedbacks (auch durch die Studierenden selbst) betont wird, schließt der Leitfaden mit einer Methodensammlung (S. 79-108). Sämtliche Methoden sind mit Informationen zu ihrem jeweiligen Hintergrund und Hinweisen zu ihrer konkreten Durchführung versehen.

Eine Empfehlung

Der Leitfaden ermöglicht eine fundierte Übersetzung des Konzepts „Forschendes Lernen“ in die Lehrpraxis – und macht Lust auf dessen Umsetzung. Angenehm ist, dass der Leitfaden trotz seiner detaillierten Abhandlung explizit so allgemein gehalten bleibt, um es auf den konkreten Fachkontext anzupassen. Besonders für Lehrende, deren Seminare forschungsnah ablaufen sollen oder als Vorbereitung für Abschlussarbeiten, ist der Leitfaden eine wärmstens zu empfehlende und gut lesbare Lektüre.

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