Wer ist eigentlich… Liesel Beckmann?

Liesel Beckmann Distinguished Professorships, Liesel Beckmann Symposium – wer an der TUM arbeitet, wird diesem Namen früher oder später auf jeden Fall begegnen. Am Campus Freising ist sogar eine Straße nach ihr benannt. Liesel Beckmann also, 1940 die erste habilitierte Betriebswirtin in Deutschland, die erste Professorin und später auch die erste Frau, die einen eigenen Lehrstuhl inne hatte. Wer war sie und wie hat sie es geschafft, sich allein unter Männern durchzusetzen? War es einfach ihre fachliche Kompetenz, ihr Ehrgeiz, oder das entscheidende Quentchen Glück?


Ich sehe mir den Programmflyer zum Liesel Beckmann Symposium 2012 an, einer internationalen Tagung zur Gender- und Diversityforschung, die jährlich an der TUM stattfindet. Dort ist folgendes über die Namensgeberin zu lesen:

Liesel Beckmann (1914–1965) schloss 1937 ihr Studium der Volkswirtschaftslehre an der Universität Bonn ab und legte dort bereits ein Jahr später ihre Dissertation in Betriebswirtschaft vor. 1938 folgte sie ihrem akademischen Lehrer Professor Rössle an die Technische Hochschule München und wurde seine Assistentin. Sie habilitierte sich mit einer Arbeit zum Thema „Die Stellung des Handwerks in der Betriebswirtschaftslehre“. 1941 erhielt sie als erste Frau die Lehrbefugnis an der THM und wurde 1946 schließlich zur außerplanmäßigen außerordentlichen Professorin für Betriebswirtschaftslehre des Handwerks ernannt.

Soviel zu den Fakten. Ich rufe Margot Fuchs an, die Leiterin des Historischen Archivs der TUM – sie empfiehlt mir, einen Blick in ihr 1994 erschienenes Buch „Wie die Väter so die Töchter: Frauenstudium an der Technischen Hochschule München 1899-1970“ zu werfen. Das darin enthaltene Portrait über Liesel Beckmann gibt ein wenig mehr Aufschluss über ihre Persönlichkeit. Ich lese etwa, dass Liesel Beckmann ihrem Lehrer und späteren Mentor Karl Rössle schon während ihres Studiums aufgrund ihrer überdurchschnittlichen Kenntnisse zur Betriebswirtschaftslehre aufgefallen ist. Sie arbeitet hart – ihre Semesterferien nutzt sie, um sich beruflich und fachlich weiterzubilden, etwa an der German Commercial School in London.

Liesel Beckmann, die erste Professorin der THM, um 1960 (Foto: Deutsches Handwerksinstitut e.V., München)

Liesel Beckmann, die erste Professorin der THM, um 1960 (Foto: Deutsches Handwerksinstitut e.V., München)

Nach ihrem Wechsel an die Technische Hochschule München übernimmt Liesel Beckmann ab Kriegsbeginn 1939 auch erstmals Aufgaben in der Lehre, später auch die Verwaltung des Lehrstuhls, da ihr Vorgesetzter Rössle im Krieg als Funkreferent eingezogen wurde und nur noch wenige Vorlesungen selbst halten konnte. Ob sie diese Chance auch bekommen hätte, wäre Rössle nicht eingezogen worden, bleibt dahingestellt. Rössle fördert sie jedenfalls stark und lobt ihre natürliche Autorität im Hörsaal – so seien „disziplinäre Verstöße seitens der Hörer (…) nicht in einem einzigen Fall beobachtet worden“. Liesel Beckmann ist eine gute und souveräne Dozentin.

Im Dezember 1940 stellt sie einen offiziellen Antrag auf Erteilung der Dozentur und der Lehrbefugnis für ihr Fachgebiet. Eine Frau als Dozentin an einer Technischen Hochschule? Das Anliegen Beckmanns‘ war so ungewöhnlich, dass es lange in einer Sonderbesprechung beraten, schließlich aber genehmigt wurde. Zwar hielten viele männliche Kollegen Frauen prinzipiell für ungeeignet für die wissenschaftliche Arbeit, machten bei Liesel Beckmann aber eine Ausnahme, weil sie besser und fleißiger war als viele der Kollegen. Hinzu kam, dass es damals kriegsbedingt einen Nachwuchsmangel unter den Betriebswirten gab. Beckmann erhielt also 1941 die Lehrbefugnis – allerdings unter der Bedingung, dass sie ledig bliebe und nur die „akademische Laufbahn als Lebensziel“ anstrebe. Mit ihrer schriftlichen Erklärung ans  Kultusministerium entschied sich Liesel Beckmann gegen ein Familienleben und für ihren Beruf. Sie war damit eine von insgesamt nur drei Frauen in Bayern, die es bis 1945 schafften, die Wissenschaft zum Beruf zu machen.

Auf eine Professur musste Liesel Beckmann noch weitere fünf Jahre warten. Obwohl sie bereits ab 1943 das Betriebswirtschaftliche Institut unter Rössle praktisch leitete, wurde ihr die wissenschaftliche Karriere weiter schwer gemacht – dieses Mal durch die nationalsozialistische Gesetzgebung. Nach dem Beamtengesetz konnte sie als Frau erst mit 35 Jahren verbeamtet werden. Darüber hinaus durften Planstellen nicht mit Frauen besetzt werden. Ihr größter Fürsprecher und Mentor Karl Rössle spielte sicherlich eine große Rolle in der Entscheidung der Technischen Hochschule München, Liesel Beckmann 1946 endlich zur Professorin zu ernennen.

Kurz zusammengefasst war Liesel Beckmann also fachlich kompetent, fleißig, souverän, durchsetzungsstark, beharrlich und vor allem bereit, große Opfer für die Karriere zu bringen. Diese Charakteristika alleine hätten damals trotzdem nicht ausgereicht, um erfolgreich in der Wissenschaft zu arbeiten. Den Ausschlag gab wohl die jahrelange intensive Unterstützung von Karl Rössle.

Und heute? Heute herrscht Gleichberechtigung. Vor dem Gesetz und (meistens) auch im wirklichen Leben. Wir Frauen müssen uns nicht mehr zwischen Karriere und Familie entscheiden, so sagt man. Ein Blick in die Chefetagen in Industrie und Wissenschaft zeigt uns aber immer noch: irgendwie hinkt die Wirklichkeit unserem Idealbild einer völlig gleichberechtigten Gesellschaft doch kräftig hinterher. Darüber mit Frau Beckmann zu sprechen, wäre wahnsinnig spannend.

 

Quelle:

Fuchs, Margot: Wie die Väter so die Töchter: Frauenstudium an der Technischen Hochschule München 1899-1970. München 1994.

Weiterführende Informationen zum Liesel Beckmann Symposium

 

Kommentar hinterlassen

  • (will not be published)

Sie können folgende XHTML-Tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>