Wer war eigentlich… Friedrich von Thiersch?

Architekt, Maler, Bildhauer – Friedrich von Thiersch war ein geniales Multitalent. Als Architekt prägte er zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht nur das Gesicht Münchens, sondern bis heute das der Technischen Universität nicht zuletzt mit dem Thierschturm – dem Wahrzeichen der TUM. Doch wer war der unermüdliche Perfektionist?


Portät Friedrich von Thiersch von 1927 (Quelle: Kurhaus Wiesbaden)

Portätgemälde „Friedrich von Thiersch“ von 1927, Kurhaus Wiesbaden (Quelle: Martin Kraft, Friedrich von Thiersch, CC BY-SA 3.0)

 

Friedrich Maximilian Thiersch wurde eine bedeutende Familiengeschichte in die Wiege gelegt, als er 1852 in Marburg das Licht der Welt erblickte: Sein Großvater, der große Philologe Friedrich Thiersch, galt als der „Lehrer Bayerns“. Doch der junge Friedrich schlug einen anderen Weg ein: er studierte von 1868 bis 1873 Architektur an der Technischen Fachhochschule in Stuttgart und arbeitete zunächst in einem Architekturbüro, bevor er sich selbständig machte. Auf zahlreichen Bildungsreisen durch Europa und in den Orient spürte er dem Formenreichtum vergangener Epochen nach. Seine Kunstfertigkeit im Zeichnen, die er dabei erlangte, wird ihn ein Leben lang auszeichnen.

Zwischen Historismus und Moderne

Der Münchner Justizpalast zu Zeiten von Thiersch

Der Münchner Justizpalast zu Zeiten von Thiersch (Quelle: Postkarte Ende des 19. Jahrhunderts)

 

Ende des 19. Jahrhunderts erlebte Thiersch seinen Durchbruch in München, als er den Auftrag zum Bau des Justizpalastes bekam. Sich dem traditionellem Stil des Historismus verpflichtend, entwickelte er dennoch die modernsten Stahl-Glas-Konstruktionen seiner Zeit und achtete stets auf die modernste Ausstattung. Nun, als einer der bedeutendsten Architekten seiner Zeit und zum Ritter geadelt, schuf er die Neue Börse sowie zahlreiche Münchner Geschäftshäuser und Villen. Außerdem durfte er verschiedene Brauhäuser aus- und umbauen – eine Adelung durch die Münchner. Nachdem das Hochwasser von 1899 viele Isarbrücken beschädigt hatte, bewies sich Thiersch auch in der Ingenieurkunst und konstruierte die Cornelius-, die Maximillians- und die Reichenbachbrücke. Aber nicht nur München wurde durch seine Baukunst bereichert. Im ganzen Deutschen Reich baute er für verschiedene Fürsten und Städte und sogar für Kaiser Wilhelm II. persönlich.

Ein Glück für die TH München

Für die Technische Hochschule (TH) München war der Auftrag zum Justizpalast ein großes Glück: der Habilitand Thiersch hatte bereits einen Ruf an die renommierte Technische Hochschule Charlottenburg in Berlin, entschied sich aber wegen des Baus, in München zu bleiben. So übernahm er zunächst die Professur für Baukunst und wurde dann Nachfolger von Gottfried von Neureuther. Unter Thiersch konnte der Ruf der hervorragenden Architekturausbildung ausgebaut werden, sodass erstmals über 600 Studenten eingeschrieben waren.

Thiersch – der Lehrer

Seine Vorlesungen zur italienischen Renaissance müssen spektakulär gewesen sein. Denn er setzte sein Zeichentalent ein, um Grundrisse, Schnitte und Fassaden in allen Einzelheiten während des Unterrichts freihändig und mit beeindruckender Genauigkeit an die Tafel zu zeichnen. Aber auch sonst scheint er eine faszinierende Lehrpersönlichkeit gewesen zu sein. Ein ehemaliger Student erinnerte sich:

 „Sein Wesen flößte gleichzeitig Respekt und Vertrauen ein. Sein Können und Wissen war so vielseitig und gründlich, dass ihn auch die schwierigste Aufgabe nicht in Verlegenheit brachte. Sein ganzes Interesse galt, trotz angestrengter Bautätigkeit, immer dem Unterrichten.“

Sein Vermächtnis im Jugendstil

Skizzenpapier des Fassadenentwurfs von Friedrich von Thiersch aus dem Historischen Architekturmuseum München.

Skizzenpapier des Fassadenentwurfs des Anbaus der TH München von Friedrich von Thiersch (Quelle: Historisches Architekturmuseum München)

 

Von 1906 bis 1908 leitet Friedrich von Thiersch als Rektor die Geschicke der TH München. Doch sein eigentliches Vermächtnis ist die erste bauliche Erweiterung der Hochschule, der heutige „Thierschbau“, in dem nach wie vor die Fakultät für Architektur untergebracht ist. Thiersch gestaltete die zwei neuen Flügel mit reichen Fußbodenornamenten und bunten Geländern in Marmor im Jugendstil. Dabei war ihm das harmonische Zusammenspiel der Ausstattungsgegenstände wichtig, obwohl es ein Funktionsbau ist. Gleichzeitig legte er Wert auf eine moderne Bautechnik: durch die Verstärkung der Betondecken mit Stahlträgern sind die Zwischenwände versetzbar und erlauben eine flexible Nutzung.

Ein Perfektionist im goldenen Gewand

Der Goldene Engel im Thierschbau gestaltet von Professor Ludwig Dasio

Der Goldene Engel im Thierschbau von Professor Ludwig Dasio (Quelle: Eckert)

 

Wie schon beim Justizpalast, wo Thiersch sogar die Wasserhähne entwarf, legte er auch jetzt größtes Augenmerk auf jedes Detail und überließ nichts dem Zufall. Das durfte auch Professor Ludwig Dasio spüren, der eine vergoldete Holzstatue entwarf, den „Goldenen Engel“. Friedrich von Thiersch hatte genaue Vorstellung, wie die Figur die Studierenden und Professorenschaft begrüßen und feierlich auf das Studium einstimmen soll.

 

Das Wahrzeichen der TUM

Thierschbau an der Ecke Gabelsberger-/Luisenstraße mit dem Thierschturm im Hintergrund.

Thierschbau an der Ecke Gabelsberger-/Luisenstraße mit dem Thierschturm im Hintergrund (Quelle: Scharger)

 

Die Krönung des Erweiterungsbaus ist der Thiersch-Turm aus Blech-Zierformen, der an einem Eisenbetonkern befestigt ist und das Wappen der Königlich Technischen Hochschule München trägt. Unterhalb des Turmes befindet sich der Friedrich-Thiersch-Hörsaal. 2009 bis 2011 wurde am Thierschbau eine energetische Sanierung der Muschelkalkfassade durchgeführt, wenige Jahre später verhüllte man ihn wegen einer Brandschutzsanierung erneut. Der Turm soll jedoch pünktlich zur Jubiläumsfeier 2018 wieder im alten Glanz erstrahlen.

Eine Legende

Als Perfektionist, der er war, hat es sich Thiersch nicht nehmen lassen, den eigenen Grabstein des Familiengrabes auf dem Münchner Waldfriedhof zu entwerfen. Im Dezember 1921 fand der umtriebige Architekt dort seine letzte Ruhestätte. Seine Bauten jedoch, prägen noch immer das Stadtbild Münchens.

 

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