Zum Gedenken an Georg Picht: „Die deutsche Bildungskatastrophe“

Georg Picht (1913-1982): der Mann, der wie kein zweiter die Nation des Wirtschaftswunders aufgerüttelt hat. „Die deutsche Bildungskatastrophe“ rief er vor 50 Jahren in CHRIST UND WELT aus (31.1.1964), S. 3). Analytisch messerscharf, eine wortgewaltige Phillipika an die Politik. Aktuell wie heute „Wenn das Bildungswesen versagt, ist die ganze Gesellschaft in ihrem Bestand bedroht.“ Nirgends, so beklagte er, seien die Tabus so schwer zu durchbrechen wie in der Kulturpolitik. Und doch hat dieser Warnruf seine Wirkung nicht verfehlt.


Flankiert von Ralf Dahrendorf („Bildung ist Bürgerrecht“, 1965) folgte ein jahrzehntelang anhaltender Ausbau des deutschen Hochschulsystems und dessen sinnvolle Erweiterung um die Fachhochschulen. Die Politik hatte reagiert. Die Absolventenzahl der weiterführenden Schulen hat sich seither vervielfacht, die akademische Ausbildung begann in „bildungsferne“ Bevölkerungskreise vorzudringen. Damit erwies sich Picht, der Religionsphilosoph und Pädagoge, als Herold einer neuen Sozialpolitik.

Dennoch: Eine Schande für die deutsche Bildungsnation, harrt eine Schlüsselerkenntnis ein halbes Jahrhundert später immer noch der Umsetzung: „Der Föderalismus kann, wenn überhaupt, nur vom Bund und den Ländern gemeinsam getragen werden.“ Wie damals sind die Planungs- und Finanzierungskompetenz im Bildungswesen mit der Gesetzgebungs- und Verwaltungskompetenz der Länder nicht identisch. Picht forderte „in diesem, vom Grundgesetz freigelassenen Raum … ein Zusammenwirken von Bund und Ländern“, und zwar durch gezielte Schwerpunktsetzung auf einer breiten bildungspolitischen Agenda. Er rief den Bund in die Pflicht, verlangte aber auch die Kooperationsbereitschaft der Länder.

Hier hätte Picht auch heute noch die Lehrerbildung im Fokus. Sie aus der Peripherie in die Mitte der Universität zu holen, ist nicht ansatzweise gelungen. Verantwortlich sind die Universitäten selbst, wo man die Lehrerbildung als „fünftes Rad am Wagen der Fachwissenschaften“ weiter verkommen lässt. Unsere Lehrer sind in Wahrheit die zentrale Instanz im geistigen und sozialen Haushalt der Nation, zumal sie zunehmend die Elternhäuser ersetzen müssen. Wir brauchen jetzt den Wettbewerb der „Hohen Schulen“ um die beste Lehrerbildung; und jeder Universität, die hier versagt, sollte die Lizenz entzogen werden.

Wann, endlich, wacht unser Land auf? Wann fangen wir an, die Lehrerbildung auf den wirklichen Bedarf hin zu differenzieren? Picht: „Unser Schulwesen gleicht einer Industrie, die ihre Produktion als Selbstzweck betreibt und es als ungebührliche Zumutung betrachtet, sich um die Bedürfnisse der Konsumenten und um die Marktlage zu kümmern.“ (CHRIST UND WELT, 14.02.1964, S. 4). Wie heute.

Pichts Vorschläge mögen nicht mehr in allen Einzelheiten zur strukturell veränderten Gesellschaft von heute passen. Seine Kernanliegen bleiben dennoch wahr, weil sie die seither gewonnenen bildungswissenschaftlichen Erkenntnisse vorweggenommen haben.

Dienerin der Gesellschaft zu sein, das ist die vornehmste Mission der Universität. Hierzu gibt es unterschiedliche Ansätze und Ausprägungen, die aber ohne Lehrerbildung allesamt ins Leere laufen. Das ist der Grund, warum unsere Universität ohne engagierte Lehrerbildung im Wirkungsfeld einer evidenzbasierten Bildungsforschung nicht mehr zu denken ist. Die TUM SCHOOL OF EDUCATION war der Schritt in die Zukunft, der sich einst als historisches Verdienst der heute Verantwortlichen erweisen wird. Und das ist unsere Universitätsgemeinschaft im Ganzen!

 

»In der modernen ›Leistungsgesellschaft‹ heißt soziale Gerechtigkeit nichts anderes als gerechte Verteilung der Bildungschancen; denn von den Bildungschancen hängen der soziale Aufstieg und die Verteilung des Einkommens ab. Das Einkommen spielt aber heute eine viel größere Rolle als jenes Lieblingsthema der Ideologen, das Eigentum. Der gesamte soziale Status, vor allem aber der Spielraum an persönlicher Freiheit, ist wesentlich durch die Bildungsqualifikationen definiert, die von dem Schulwesen vermittelt werden sollen.« Georg Picht, 1965

 

Weiterführende Literatur: a) Georg Picht, Die deutsche Bildungskatastrophe (Deutscher Taschenbuch Verl., München 1965. 152 S.; b) Ralf Dahrendorf, Bildung ist Bürgerrecht (Nannen-Verlag, Hamburg, 1965)

1 Kommentar zu “Zum Gedenken an Georg Picht: „Die deutsche Bildungskatastrophe“”

  1. Andreas Christ

    Georg Picht kann und darf man nicht auf die Artikelserie „Die deutsche Bildungskatastrophe“ reduzieren. Picht war einer der größten deutschen Philosophen des 20. Jahrhunderts. Das bemerkt man schon, wenn man allein sein zweibändiges Werk „Hier und Jetzt. Philosophieren nach Hiroshima und Auschwitz“ aufmerksam liest. Oder sein 1969 publiziertes Buch „Wahrheit Vernunft Verantwortung“. Die deutsche universitäre Philosophie hat Georg Picht praktisch verschlafen, obwohl er sicher bedeutender ist als Jürgen Habermas, um nur einen großen Namen zu nennen.

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