Die Technik zur Kunst

„Kunst und Technik vereinen“, so nennt Prof. Wollersheim seinen Beitrag zum Thema E-Prüfungen. Er spricht darin die häufig mangelnde Qualität von Prüfungen an – auch von E-Prüfungen – und die zunehmende Arbeitsbelastung der Dozentinnen und Dozenten.


Das richtige Handwerkszeug für (E-)Prüfungen ist wichtig (Foto: Royalty-Free/Corbis)

Das richtige Handwerkszeug für (E-)Prüfungen ist wichtig (Foto: Royalty-Free/Corbis)

Dass in dieser Zustandsbeschreibung auch der Bösewicht Bologna und seine fehlerhafte Umsetzung auftauchen, soll uns hier nicht weiter beschäftigen. Prof. Wollersheim gibt sich nun nicht mit der Kritik zufrieden, sondern stellt eine mögliche Lösung für beide Probleme vor: Mit E-Prüfungen kann die Arbeitsbelastung verringert werden, z.B. durch die (teil-)automatisierte Prüfungsauswertung. Mit E-Prüfungen können aber auch – und das vermerkt er völlig zu Recht entgegen einer gängigen Praxis – hochwertige Prüfungen erstellt werden (s. Artikel „Kunst und Technik vereinen“).

Dass dies aber nicht voraussetzungslos und zum Nulltarif zu haben ist, verhehlt er keineswegs. Um deutlich zu machen, woran es bislang mangelte, nennt er den Begriff der „Assessment Literacy“, also einer Grundbildung im Bereich des Prüfens. Hier kommt nun der Begriff der Kunst ins Spiel: die Kunst des Prüfens. Diese Kunst ist eher handwerklich konzipiert, was sie zwar zu einer gewissen Technik macht, damit aber auch zu etwas Erlernbarem. Dieser Sichtweise können wir uns als Hochschuldidaktiker von ProLehre nur uneingeschränkt anschließen. Unser Anliegen ist es deshalb, genau dieses Handwerkszeug bereitzustellen.

Herausforderung Prüfen
Worum geht es beim Prüfen? Wir beschränken uns hier auf Prüfungen, die das – hoffentlich – erfolgreiche Absolvieren eines Moduls dokumentieren, da diese auch das Hauptthema des Artikels sind und hier der Anspruch an die Prüfungsqualität am höchsten ist. Bei diesen Prüfungen geht es darum, Studierenden in einem Tätigkeitsbereich die Kompetenz(en) zu bescheinigen, in möglichst anforderungsgerechten Problemsituationen angemessene Lösungswege entwickeln und ggf. umsetzen zu können. Was dies jeweils konkret bedeutet, wird durch die zu erreichenden Kompetenzen und deren Operationalisierung in Lernergebnissen definiert. Wie ausgehend von diesen Lernergebnissen angemessene Prüfungen entwickelt werden können, wurde z.B. in dem gemeinsamen Projekt „Herausforderung Prüfen“ vom Susanne Klatten-Stiftungslehrstuhl für Empirische Bildungsforschung und ProLehre erprobt, das vom Stifterverband für die deutsche Wissenschaft e.V. gefördert wurde.

Die Grenzen von E-Prüfungen
Wir sind allerdings bezüglich der Möglichkeiten von E-Prüfungen momentan etwas skeptischer als Prof Wollersheim. Rechtliche und organisatorische Hürden sind dabei gar nicht das Hautproblem, sondern eher inhaltliche Grenzen.

Prüfung in der Medizin

Prüfung in der Medizin (Foto: Barbara Dörrscheidt)

Zum einen sind Antworten, die nicht in ein vorgegebenes Schema passen, einer computergestützten Auswertung nur schwer zugänglich. Vor allem aber gibt es Kompetenzen, die entweder sehr komplex sind und/oder sich erst im sozial situierten Handeln zeigen, die sich also möglicherweise dauerhaft nicht in E-Prüfungen darstellen bzw. dort nicht sinnvoll auswerten lassen. Dazu zählen etwa Prüfungen in der Medizin, die das Verhalten angehender Ärztinnen und Ärzte am Krankenbett zeigen sollen, aber auch die Fähigkeit, wissenschaftliche Thesen vor Publikum vertreten zu können. Darum haben wir alternativ zu den schriftlichen und mündlichen Prüfungsformaten nicht nur E-Prüfungen, sondern auch Formate wie wissenschaftliche Posterpräsentationen, Peer Reviews, Referate, Lernportfolio oder Parcoursprüfungen ausgeführt. Teilweise sind diese auch elektronisch unterstütz- oder realisierbar. Sie sollten aber, um ihre ganze Wirksamkeit zu entfalten, zumindest intensiv in den Lehrveranstaltungen vorbereitet und eingeübt werden. Diese als Handreichungen für die Praxis gedachten Ausführungen geben Aufschluss über die notwendigen Vorarbeiten und Einsatzmöglichkeiten der entsprechenden Prüfungsformate. Die Einsatzmöglichkeiten sind aber keineswegs auf die Feststellung des Modulerfolgs beschränkt. Mit großem Gewinn – und geringeren formalen Anforderungen – können sie auch eingesetzt werden, um den Lernprozess zu steuern. Sie zeigen den Studierenden dann unter dem Semester, wo sie im Lernprozess stehen und was sie noch vertieft bearbeiten müssen.

Weiterbildungsangebote und Handreichungen unterstützen
Wenn nun Prof. Wollersheim ein Weiterbildungsangebot zum Thema Assessment Literacy fordert, in dem das Wissen über das gefördert wird, was wir da eigentlich tun, aber auch ein Wissen davon, was wir tun können, so können wir zumindest Bausteine dafür liefern: Es gibt ein Weiterbildungsangebot zu alternativen Prüfungsformaten oder zum Qualitätscheck von Prüfungen sowie eine Reihe von Handreichungen zu alternativen Prüfungsformaten. Und es sind Handreichungen in der Entwicklung, die den gesamten Entwicklungsprozess einer Prüfung bis hin zu ihrer professionellen Evaluation und Qualitätssicherung beleuchten.

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