Digitaler Start für den Masterstudiengang Biomedical Engineering and Medical Physics

Prof. Julia Herzen ist Studiengangsverantwortliche für den neuen Master-Studiengang „Biomedical Engineering and Medical Physics“ an der Munich School of BioEngineering (MSB) der TUM. Im Interview berichtet sie, wie das digitale Studieren in Zeiten der Corona-Pandemie funktioniert und erklärt, wo die Chancen und Schwierigkeiten liegen.

Prof. Julia Herzen (Bild: Astrid Eckert/ TUM)
Prof. Julia Herzen (Bild: Astrid Eckert/ TUM)

Zum Sommersemester sollte der neue Masterstudiengang „Biomedical Engineering and Medical Physics“ starten. Hat das Programm trotz der Corona-Krise anfangen können?

Prof. Julia Herzen: Wir haben den Studierenden empfohlen, ihr Studium zum Wintersemester anzufangen, weil die Fakultäten im Sommersemester nicht alle geplanten Veranstaltungen rechtzeitig auf das digitale Format hatten umstellen können. Von den 30 Zugelassenen haben sich aber 13 Studierende entschlossen, schon jetzt zu studieren.

Werden diese Studierenden ein reguläres Semester absolvieren können?

Ja, sie sollen möglichst viele geeignete Vorlesungen online hören und können so auf die für das Semester vorgesehenen 30 Leistungspunkte kommen. Die Vorlesung Biomedizinische Physik, die für alle Studierenden des Masterstudiengangs verpflichtend ist, sollte unbedingt dabei sein. Den Rest können sie aus einer großen Auswahl zusammenstellen.

Noch nicht endgültig geklärt ist der Ablauf der Prüfungen. Mündliche Prüfungen dürfen mit dem nötigen Abstand auf jeden Fall abgehalten werden, aber bei schriftlichen Prüfungen ist es schwierig, weil da sehr viele Personen gleichzeitig im Raum wären.

Sie selbst halten auch eine Vorlesung im Rahmen des Studiengangs.

Ich halte zusammen mit meinem Kollegen Klaus Achterhold die Vorlesung „Bildverarbeitung in der Physik“, an der rund 100 Studierende teilnehmen – sowohl aus unserem Masterstudiengang als auch aus anderen Fächern wie Informatik oder Elektrotechnik.

Wie muss man sich das vorstellen? Sieht man im Video, wie Sie im leeren Hörsaal stehen und vortragen?

Nein, niemand schaut sich 90 Minuten Vorlesung auf Video an. Ich mache kurze Videos, die nach Themen aufgeteilt sind und jeweils 10 bis 15 Minuten dauern. Ich bin dabei nicht zu sehen – die Studierenden sehen die Präsentations-Folien und hören dazu meine Erklärung. Zusätzlich biete ich Links zu relevanten Kapiteln aus Fachbüchern und verlinke zum Teil auch Ausschnitte aus Lehrvideos, die im Internet verfügbar sind – da gibt es sehr gute Kurse zur Bildverarbeitung. Wenn die Studierenden meine Erklärung nicht verstehen, haben sie so die Möglichkeit, im Buch nachzulesen oder das Video anzusehen.

Müssen die Studierenden auch selbst aktiv werden?

Zunächst gibt es zu jeder Vorlesung eine Hausaufgabe und ein Multiple-Choice-Quiz. Mit dem Quiz können die Studierenden ihr Verständnis selbst testen, die Hausaufgaben müssen sie im Laufe der Woche bearbeiten und die Lösungen einreichen. Zudem bieten wir ein Forum, in dem man Fragen posten kann. Diese können die anderen Studierenden beantworten, oder wir sammeln und beantworten sie in der wöchentlichen Live-Videokonferenz. Hier schalten sich etwa 20 der 100 Teilnehmenden zu. Es sind aber nur wenige, die sich dabei auch aktiv einbringen. Zusätzlich bietet Clemens Schmid, der Doktorand, der als Tutor die Hausaufgaben betreut, auch eine online-Sprechstunde an. Nach Ablauf der Abgabefrist führt er in einem Video den Lösungsweg vor.

Wie groß ist für Sie der Aufwand, die digitale Vorlesung vorzubereiten?

Es hat mich überrascht, wie viel Zeit die Vorbereitung kostet. Ich halte diese Vorlesung eigentlich seit fünf Jahren, und der Aufwand für die digitale Version war fast so groß wie für die Vorbereitung einer neuen Präsenzvorlesung. Zum Beispiel habe ich gemerkt, dass in meinen Folien Details gefehlt haben. Diese kann ich sonst klären, wenn die Studierenden danach fragen. Ich habe auch gesehen, dass ich mir ein Drehbuch schreiben muss, damit die Übergänge zwischen den Folien flüssig sind und der Aufbau logisch ist. Im Hörsaal funktioniert das von alleine.

Sehen Sie Vorteile, die die digitale Version Ihrer Vorlesung mit sich bringt?

Mein Eindruck ist, dass sie gut als Anleitung zum selbstständigen Lernen funktioniert. Wir stellen eine Struktur zur Verfügung und treffen eine Auswahl, aber ich kann in den Videos nicht alles erwähnen, was ich in der Live-Vorlesung sagen würde. Die Studierenden müssen also Bücher lesen und lernen, Literatur zu verstehen und auszuprobieren, welches Buch ihnen liegt. Das ist dann mehr wie Studium sein soll.

Haben Sie Rückmeldung von den Studierenden bekommen?

Sie scheinen mit dem Unterricht sehr zufrieden. Was ich aber von verschiedenen Seiten gehört habe: sie vermissen den persönlichen Austausch. Ich weiß, dass unsere Masterstudierenden eine Gruppe in einem Messenger-Dienst haben und sich da austauschen, wenn sie etwas klären wollen. Aber ihnen fehlt die Möglichkeit, gemeinsam in die Vorlesung zu gehen. Das ist auch etwas, das das Studium ausmacht.

Fühlen Sie sich bei der Umstellung auf die digitale Lehre von der TUM gut unterstützt?

Ich hätte mir mehr Zeit gewünscht als die paar Wochen, die wir hatten, um uns umzustellen. Aber es hat dann überraschend gut funktioniert. Die TUM hat zum Beispiel sehr kurzfristig die Lizenz für ein Programm zum Aufnehmen und Schneiden der Videos angeschafft und einen Vertrag mit einer Firma geschlossen, die einen gesicherten Streaming-Server betreibt. Die Video-Daten lagern in Deutschland und sind nur den Leuten zugänglich, die angemeldet sind. Einige technische Lösungen waren auch schon vorher verfügbar, wurden aber wenig genutzt, weil es nicht notwendig war. Dazu gehört die Webplattform, auf der wir unsere Materialien zum Download zur Verfügung stellen.

Hatten Sie auch bei der Gestaltung der Vorlesungen Unterstützung?

Wir haben uns im Team untereinander vernetzt und viele Tipps ausgetauscht. Mein Kollege Martin Dierolf hat die Webinare der Abteilung ProLehre besucht und konnte uns mit seinem Wissen unterstützen. Meine Kollegin Madleen Busse hat sehr viele kreative Ideen zur Gestaltung der digitalen Vorlesung beigesteuert.

Planen Sie auch schon für das Wintersemester?

Wenn die Schwierigkeiten weiterbestehen, werden wir auch das nächste Semester digital anbieten. Im Masterstudiengang müssen wir aber auf jeden Fall die Laborpraktika durchführen, die Teil der Lehrphase sind. Im dritten Semester beginnt für die Studierenden ja schon die Forschungsphase. Wir sehen aber, dass die Versuche im Labor auch mit den jetzigen Regularien machbar wären: maximal zwei Personen im Labor und Abstand von 1,5 Metern. Die Studierenden sollten aber auch dann möglichst viel digital von zu Hause machen. Notfalls können wir ihnen auch fertige Messdaten zur Auswertung zur Verfügung stellen. Dann würde das Praktikum nur aus der Versuchsauswertung bestehen.

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