DQR: Der Zimmermann im Bildungsraster

Der erfolgreiche Polier auf der Baustelle, der erfahrene versierte und geschickte Kommunikator, ohne den kreative Ingenieurentwürfe nicht zur Realität werden – der gestandene Zimmerer, der in seinem erlernten Handwerk eine erfüllende Lebensaufgabe sieht – der versierte Ingenieur, der stolz ist, wenn seine Ideen zur Umsetzung kommen, auch da der Bauherr die richtige Finanzierung zustande gebracht hat. Der gemeinsame Beschluss zur Einführung des Deutschen Qualifikationsrahmens (DQR) soll nun eine Grundlage dafür schaffen, die spezifischen Qualifikationen der Menschen einer achtstufigen Skala zuzuordnen. Dies diene – so wird gesagt – einer verbesserten Transparenz und Mobilität in Europa.


Gesellschaftliche Vielfalt wird mit dem DQR in künstliche Raster gepresst. (Foto: photocase.de)

Gesellschaftliche Vielfalt wird mit dem DQR in künstliche Raster gepresst. (Foto: photocase.de)

Praktisch läuft das wohl so ab: Das Geflecht unterschiedlicher Personen mit ihren spezifischen Kenntnissen, Fertigkeiten, Kompetenzen und Fähigkeiten in den Wertschöpfungsprozessen am Bau muss eine Kategorisierung durchlaufen, d.h. wir ordnen jedem der o.g. Beteiligten ein Niveau der Stufe 1 bis 8 zu. Zu jedem Niveau gehören Eigenschaften – aufgeteilt auf die Bereiche Wissen, Fertigkeiten, Sozialkompetenz und Selbstständigkeit – damit der Polier endlich weiß, dass es hinsichtlich seiner Team- und Führungskompetenz noch mindestens zweier Steigerungsstufen bedarf, um z.B. das Niveau eines promovierten Historikers zu erreichen und der Zimmerer sich endlich dessen bewusst wird, dass er eigentlich studieren sollte, um auf der DQR-Leiter nach oben zu klettern.

Bei dieser Kategorisierung stehen wir dabei vor dem Dilemma, dass wir in Deutschland regelmäßig Differenzierung mit Diskriminierung verwechseln, sodass wir – bitteschön – von gleichwertig sprechen sollten, auch wenn womöglich gerade Äpfel und Leberwürste in eine Kategorie gepackt werden. Das muss man wohl aber, wenn eine vorhandene, gesellschaftliche Vielfalt mit bunten, unterschiedlich geschichteten und gewichteten Talenten und Fähigkeiten in 8 hierarchisch aufeinander aufgebaute künstliche Stufen gepresst werden soll, bei denen zu allem Überfluss im Bereich der sog. „personalen“ Kompetenzen das Paradigma gesetzt wird, dass die jeweils höhere Stufe die Inhalte der vorherigen Stufe inkludiert und nur weiter steigern kann.

Und dann gibt es noch ein zweites Dilemma: Es soll Menschen geben, die tatsächlich außerhalb von Bildungseinrichtungen irgendwie Kompetenzen erworben haben. Es wird sogar festgestellt, dass dies bedeutend sein kann. Na so was und wirklich ganz alleine? Na, diese Kompetenzen müssen wir in unseren Katalog unbedingt gleichberechtigt einbinden, um nicht Gefahr zu laufen, Individuen in unserer Arbeitswelt zu erleben, die außerhalb der standardisierten Schubladen arbeiten und leben.

Um zu wissen, wer wo steht, müssen diese Kompetenzen natürlich dringend validiert werden! Wo kämen wir denn hin, wenn es neben unseren, aus offiziellen Bildungseinrichtungen entstandenen Kategorien, noch eine Art Schattenkompetenz gäbe, die wir bisher gar nicht festgehalten haben? Sobald diese Kompetenzen dann validiert sind, sollten wir sie auch möglichst gleich anrechnen, z.B. in Form von teilweise erbrachten Studiengängen. Dies hilft auch, unsere im internationalen Vergleich beschämend niedrige Akademikerquote zu erhöhen. Auf einmal wird nun unser Volk viel gescheiter und besser, mit noch mehr Fach- und Personalkompetenz. Das alles geschieht natürlich nur zum Wohle der einzelnen Beteiligten, die wohl nur auf diese Weise Mobilität innerhalb Europas leben können.

Noch wird behauptet, der DQR würde nicht in bestehende Systeme der Zugangsvoraussetzungen zu Berufen eingreifen wollen. Nur: der Duktus zeugt von einer anderen Perspektive. Noch wird gesagt, er soll im Wesentlichen in Deutschland erworbene Bildungsabschlüsse in Zukunft europaweit vergleichbarer machen. Nur: wozu geht dann Deutschland einen Alleingang mit 4 statt 3 Kategorien und dem Spezifikum, die sozialen Kompetenzen stärker zu betonen um den Preis der Zurücknahme der eigentlichen Fachkompetenzen?

Noch profitiert Deutschland mit niedriger Jugendarbeitslosigkeit und hoher Industrialisierung von hervorragenden talentoptimierten und organisch gewachsenen Bildungsformaten. Nur: wozu dann falsche, im DQR angelegte Signale, über hierarchische Stufen mit einer klaren Weisung in Richtung Akademisierung? Übrigens: Noch rundet man in Bewerbungsverfahren das Bild neben den Zeugnissen durch ein Gespräch ab, um zu sehen, ob die Chemie passt. Das können wir nun zukünftig durch eine attestierte Validierung von personalen Kompetenzen entfallen lassen. Wenn man dann nach einem langen Arbeitstag beim Bier mit einer auf Stufe 7 kategorisierten Person kein vernünftiges Gespräch hinbekommt, sollte man sich besser selbst downgraden lassen.

Kommentar hinterlassen

  • (will not be published)

Sie können folgende XHTML-Tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>