Englisch an Hochschulen – eine Revolution auf leisen Sohlen?

Folgt man den Angaben auf den Internetseiten des DAAD und der Hochschulrektoren-konferenz, gibt es wohl aktuell 800 englischsprachige Studiengänge in Deutschland. Englisch hält Einzug in Vorlesungen und Seminaren, auf Webseiten und in Lehrbüchern. An der TUM hat sich dieser Prozess im letzten Jahrzehnt schon kräftig vollzogen: Die Zahl der ausländischen Studierenden im Masterbereich hat sich zwischen 2006 und 2011 fast verdoppelt.


Englisch oder Deutsch? Diese Frage bietet Diskussionsstoff an deutschen Hochschulen (Foto: photocase)

Englisch oder Deutsch? Diese Frage bietet Diskussionsstoff an deutschen Hochschulen (Foto: photocase)

In nahezu allen Studiengängen der TUM werden Lehrveranstaltungen in Englisch gehalten. Aktuell werden 23 rein englischsprachige Masterstudiengänge angeboten – in den kommenden Jahren wird diese Zahl noch deutlich ansteigen.

Hochschulen verfolgen die strategische Intention, sich durch englischsprachige Angebote zu „internationalisieren“. Vorlesungen, Übungen und Praktika, alles in Englisch – ein Magnet, der auf ausländische Studierende ausgerichtet ist. Objektiv kann hierzulande noch aufgeholt werden, was die Attraktivität von Hochschulen für Studierende aus dem Ausland betrifft. Mit der Anziehungskraft von britischen und amerikanischen Universitäten können deutsche Hochschulen bei weitem nicht mithalten.

Die Anglisierung der Hochschulbildung in Deutschland wird aber natürlich auch hinterfragt und mitunter scharf kritisiert. Gegner befürchten den Untergang der Sprachkultur. Vorlesungen und Seminare sollen weiterhin in Deutsch gehalten werden. Das wirft natürlich die Frage auf: Wie verhält es sich mit dem fachlichen Niveau in der Lehre, wenn alle miteinander in „gebrochenem Englisch“ – oder in BSE (Bad Simple English) wie es spöttisch heißt – kommunizieren? Probleme beim Lernen sind nicht ganz von der Hand zu weisen, oder zumindest in einer wissenschaftlichen Untersuchung aus Schweden empirisch zart belegt. Die Ergebnisse dienen Kritikern als Kanonenfutter: Die Lerneffekte bei Physikstudierenden sind kleiner, die in einer Fremdsprache lernen. Was ist also zu tun? Finger weg vom Englischen, damit beim Studierenden mehr „hängen bleibt“?

Auch Forschungsergebnisse sollen wieder mehr in deutscher Sprache dargelegt werden. Anschaulichkeit und Ausdruckskraft, die feinen Nuancen gehen verloren, wenn sich Wissenschaftler einer Fremdsprache bemächtigen. Manchmal gehen die Forderungen sogar so weit, dass Anreize für die Wiederentdeckung der deutschen Sprache gefordert werden. Stilistisch herausragende Schriftstücke sollen öffentlichkeitswirksam prämiert werden (vgl. FAZ-Beitrag „Dümmer auf Englisch“).

Konfrontiert mit der Realität, erscheint diese Forderung wiederum verwunderlich: Forscher, die unter permanenten Publikationsdruck stehen, sollen plötzlich eine Leidenschaft für das Schreiben entwickeln. Und wer gibt ihnen die notwendige Zeit dafür? Englisch hat sich seit Mitte des 20. Jahrhunderts als gemeinsame Wissenschaftssprache fest etabliert. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Englisch die Forschungskultur und den Austausch zwischen den Wissenschaften in den letzten Jahrzehnten immens geprägt und beflügelt hat. Indem fortlaufend neue Terminologien dazukommen, entwickelt sich Englisch als gemeinsame Wissenschaftssprache weiter. Englisch ist zum primären Kommunikationsmedium auf dem Globus in der Forschung und jetzt auch in der Lehre geworden. Die Mehrsprachigkeit im Wissenschafts- und Lehrbetrieb zu erhalten, wird es angesichts ihrer Vormachtstellung zunehmend schwerer haben.

Dass sich dieser Prozess auch drastisch mit Pauken und Trompeten manifestieren kann, zeigt ein Blick in das Nachbarland Frankreich. Dort berät die Nationalversammlung über eine Gesetzesinitiative, die es Hochschulen erlaubt, Lehrveranstaltungen auch in Englisch anzubieten – wie Spiegel Online jüngst in einem Beitrag berichtet. In Frankreich also eine nahezu revolutionäre Bewegung, ist die französische Sprache doch ein gehegtes und gepflegtes Heiligtum – und die Zeitschrift „Libération“ titelt im gleichen Atemzug auf Englisch „Let’s do it!“.

Kommentar hinterlassen

  • (will not be published)

Sie können folgende XHTML-Tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>