Universitäten als Reallabore für nachhaltige Stadtplanung

Ein Beitrag aus dem Projekt „Digitainability“

Die Megathemen Digitalisierung und Nachhaltigkeit miteinander zu verbinden, Impulse für die Universität und die ganze Gesellschaft zu liefern und dabei neue Formen des Lehrens und Lernens zu etablieren – das sind die ambitionierten Ziele des Lehr-Forschungsprojekts „Digitainability“ an der TUM School of Governance. Studierende können hier ihre Ideen einer nachhaltigeren, digitaleren TUM entwickeln und umsetzen. So macht sich Martin Schlett Gedanken darüber, wie die Universität als Testfeld für eine zukunftsfähige Stadtplanung dienen könnte, die Nachhaltigkeit und Digitalisierung verbindet.

Flächenversiegelung und Luftverschmutzung

Menschliche Lebensweisen müssen nicht nur umweltverträglicher werden. Es muss uns künftig endlich gelingen, Umwelt und Natur aktiv zu regenerieren und zu schützen. Nur so können wir unsere Lebensqualität erhalten und die Resilienz unserer Städte sicherstellen.

In München etwa stellt die Luftverschmutzung ein erhebliches Problem dar. Die Luftqualität in der Stadt ist sogar so schlecht, dass der Europäische Gerichtshof die Bundesrepublik im vergangenen Jahr nicht zuletzt aufgrund der in München gemessenen Emissionswerte verurteilt hat.

Gleichzeitig gehört München zu den am stärksten versiegelten Städten in Deutschland: 2018 waren fast 47 Prozent seiner Fläche bebaut. Und jeden Tag werden in München weitere 1,3 Hektar für den Bau von Siedlungen und Infrastruktur umgewidmet. Zukunftsfähig ist das nicht. Denn je mehr Flächen versiegelt werden, desto gravierender machen sich extreme Hitze und Hitzewellen bemerkbar. Die machen der Stadt schon heute zu schaffen. Und sie werden in Zukunft noch deutlich häufiger werden.

Andererseits ist die versiegelte Fläche pro Kopf in Städten deutlich geringer als in ländlichen Gebieten. Während in München die versiegelte Fläche pro Person 73 Quadratmeter beträgt, beträgt dieser Wert in einer ländlichen bayerischen Gemeinde mit 3.200 Quadratmetern pro Person mehr als das Vierzigfache. Die Flächeneffizienz dicht besiedelter Gebiete ist also weitaus höher.

Globale Herausforderungen

Bereits heute leben weltweit über 55 Prozent der Menschen in Städten, 2050 werden es voraussichtlich schon 68 Prozent sein. Das verdeutlicht, wie wichtig Architektur und Stadt- und Raumplanung für die globale ökologische Transformation sind. Sie müssen ganz neue Wege gehen und das Klima und unsere Umwelt aktiv verbessern, anstatt nur weniger klima- und umweltschädlich zu sein.

Ein prognostizierter Zuwachs der Weltbevölkerung auf 11 Milliarden Menschen am Ende des Jahrhunderts und die sich rasch verschärfende Klimakrise stellen Architekten und Stadtplaner vor ungekannte Herausforderungen: Städte in Deutschland und überall auf der Welt müssen sich gegen häufigere Stürme, Starkregen, Überschwemmungen, Extremhitze oder Waldbrände wappnen – und gleichzeitig gewachsenen Ansprüchen an Mobilität, Komfort und physische und psychische Gesundheit ihrer Bewohnerinnen und Bewohner genügen.

Derweil könnten ganze Regionen unserer Planeten ökologisch weniger produktiv oder vollständig unbewohnbar werden. Das bedeutet, dass eine steigende Nachfrage nach Lebensmitteln und Wohnraum auf weniger landwirtschaftlichen Flächen und weniger bewohnbarem Raum befriedigt werden muss. Gleichzeitig müssen resiliente Lebensräume für Flora und Fauna geschaffen werden, um das Artensterben zu stoppen. Das ist unabdingbar, um die Selbstregulierungsfunktion der Ökosysteme zu erhalten, die Menschen mit Rohstoffen und Sauerstoff zu versorgen, und die Risiken von vektorübertragenen Krankheiten zu verringern. Die Aufgaben, vor der Architektur und Stadtplanung, aber auch Politik, Verwaltung, Wissenschaft und Zivilgesellschaft im 21. Jahrhundert stehen, sind gewaltig.

Neue Ansätze in der Stadtplanung

Die Stadt München hat die Herausforderungen, vor denen urbane Räume überall stehen, durchaus erkannt und bemüht sich um Maßnahmen, um zumindest die drängendsten Probleme anzugehen. Allerdings muss schnell ein ganzheitlicher Ansatz gefunden werden. Zusätzliche und zum Teil gänzlich neue Ansätze tun not.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der TUM erforschen eine Vielzahl innovativer Ansätze. So erforscht beispielsweise Prof. Monika Egerer die Auswirkungen von Urban Farming und Urban Gardening auf die ökologische und soziale Verfasstheit von Stadtteilen. Urbane produktive Ökosysteme wie urbane Gärten und Farmen schaffen neue grüne und blaue Infrastruktur in der Stadt, auf Plätzen, Straßen, Balkonen oder Dächern. Diese Gebiete regulieren die Temperatur, reinigen die Luft und tragen dazu bei, die Nachbarschaft zusammenzubringen. Sie wirken sich unmittelbar positiv auf die Lebensqualität aus und erzeugen lokale Lebensmittel, die ohne weite Transportwege zur Verfügung stehen. Außerdem können sie Wasser verdunsten und speichern, wodurch der Druck auf die Kanalisation verringert und Überschwemmungen verhindert werden können. Und die Umsetzung solcher Projekte ist nicht einmal mit großen Kosten verbunden ist.

Allerdings ist es in einer dicht besiedelten und weitgehend versiegelten Stadt wie München sehr schwierig, neue geeignete Flächen für solche Projekte zu finden. Selbst bisher meist ungenutzte Dachflächen werden selten begrünt, zumal sie zunehmend mit Photovoltaikanlagen versehen werden sollten.

Es gibt jedoch mindestens eine weitere Möglichkeit, um Flächen zu gewinnen: Würden alle privaten PKW-Parkplätze in München umgewidmet, könnten zehn Quadratkilometer städtischer Raum zumindest teilweise als urbane Gärten genutzt werden. Natürlich muss die unter den Straßen verlaufende Infrastruktur bei der Widmung solcher Flächen für Gartenprojekte berücksichtigt werden. Ein weiterer innovativer Ansatz wurde von Prof. Ferdinand Ludwig und seinem Team entwickelt: Sie erfanden die Lebende Architektur neu, eine Technik, bei der Bäume oder andere Pflanzen als lebende strukturelle Stütze von Gebäuden verwendet werden. So können beispielsweise Äste manipuliert werden, sodass sie bestimmte Formen annehmen oder mit anderen Ästen zu verwachsen, um die gewünschte Struktur zu schaffen und schließlich selbständig Dächer oder ganze Stockwerke zu tragen. Für bestimmte öffentliche Anwendungen und durch die Verwendung mehrerer Pflanzen, die gleichzeitig in eine Struktur wachsen, haben solche Gebäude ein großes Potenzial für die Gestaltung der Stadt der Zukunft.

Universitäten als Testfelder

Doch solche mutigen Ideen brauchen Zeit, um sich zu bewähren. Neue, innovative und bisweilen radikale Ansätzen bringen immer das Risiko des Scheiterns mit sich. Die Städte zögern, solche Unwägbarkeiten zu akzeptieren, und auch die Bürgerinnen und Bürger könnten manchem Projekt eher skeptisch gegenüberstehen. Bei der Erprobung derartiger innovativer Ansätze sollten deshalb insbesondere Universitäten als Vorbilder und Testfelder dienen, die Nutzbarkeit unter Beweis stellen und so Akzeptanz und Vertrauen schaffen.

Ein Universitätscampus kann in vielerlei Hinsicht mit einem städtischen Ökosystem verglichen werden: Hier leben, arbeiten, studieren und essen Menschen, sie treffen sich, verbringen teilweise ihre Freizeit hier und sind auf Infrastruktur angewiesen, um sich zum Campus und auf ihm zu bewegen. Tausende von Menschen mit den unterschiedlichsten Hintergründen und Beschäftigungen bevölkern und nutzen den Ort. Das bietet die Möglichkeit, praktisch alle technischen und sogar viele sozialen Innovationen einem Realitätstest zu unterziehen. „Plant a Seed“ ist ein hervorragendes Beispiel für eine ehrgeizige Kampagne, bei der Studierende, Lehrstühle und die Universität zusammenkommen, um den Campus aktiv zu verbessern und zu zeigen, wie Urban Gardening in unterschiedlichen Umgebungen funktionieren kann. Forschende, Lehrende und Studierende an Universitäten verfügen über das Wissen, um neue, nachhaltige Ansätze für das Leben und Arbeiten der Zukunft umzusetzen und zu testen; und sie sollten die notwendigen Ressourcen dafür erhalten. Denn dann können Städte und Gemeinden von ihren Erfahrungen und Versuchen lernen, von ihrem Fachwissen und ihrer Motivation profitieren und sich die Ergebnisse ihrer Arbeit zunutze machen, um urbane Räume zukunftsfähig umzubauen.

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