Vegetative Vermehrung im Weltraum

Der TUM Alumnus Christian Bruderrek möchte mit einer Schülergruppe die vegetative Vermehrungsfähigkeit von Pflanzen unter den Bedingungen der Schwerelosigkeit im Orbit untersuchen. V3PO heißt das Projekt, das als erstes deutsches „Jugend forscht“ Projekt in das Educational Programm der NASA aufgenommen wurde. Für die Finanzierung gehen Bruderrek und seine jungen Kolleginnen und Kollegen den ungewöhnlichen Weg des Crowdfunding. Wie und warum Sie das Projekt mit einer Spende unterstützen sollten, hat er uns im Interview erzählt.


Herr Bruderrek, Sie haben 2004 Ihren Abschluss in Luft- und Raumfahrt an der TUM gemacht. Was haben Sie vom Studium an der TUM mitgenommen?

Mal abgesehen von der Lehre und meinem Abschluss als Diplom Ingenieur für Luft- und Raumfahrttechnik habe ich an der TUM meine Begeisterung für die Raumfahrt intensiviert. Dies vor allem durch Wahlvorlesungen und Praktika, die auch von ehemaligen Astronauten, wie z.B. Reinhold Ewald gehalten wurden. Auch, dass uns die Lehrstühle in unserem Bestreben an einer esa Studenten Kampagne teilnehmen zu können, stets unterstützt haben und wir mit einem Team letztendlich an drei Parabelflugkampagnen teilnehmen durften ist ein großer Erfahrungsschatz und Baustein für meine jetzige Position und das berufliche Netzwerk, welches ich seit meinem Studium aufbauen konnte.

Wie ging es bei Ihnen nach der TUM weiter?

Zunächst zog es mich an den Bodensee, wo ich nach einem kurzem beruflichen Start in der Luftfahrtbranche bald in ein kleineres Ingenieurbüro nach Ravensburg wechselte, welches im Unterauftrag verschiedene Raumfahrtprojekt für Firmen wie Airbus (damals EADS und Astrium), Kayser Threde, Liebherr u.ä. durchführte. 2011 ging es dann weiter nach Zürich zu RUAG Space, wo ich die Position eines System Ingenieurs für Satellitenstrukturen bekleidete. Nach Mitarbeit in großen Projekten wie ATV, ARV oder Satellitenprojekten wie BepiColumbo, EarthCare, Sentinel, war wohl die Tätigkeit im Projekt IXV mein Highlight während dieser gut 3½ Jahre. IXV ist ein europäischer Wiedereintrittsdemonstrator welcher im Februar 2015 erfolgreich gestartet und zurück gekehrt ist.

Da meine Frau und meine 2 Kinder nicht mit in die Schweiz gekommen sind, habe ich dann im Mai 2014 die mir gebotene Möglichkeit genutzt als Projekt Manager für Life Science Experimente im Weltall bei Airbus Defence and Space in Friedrichshafen wieder auf die deutsche Seite des Bodensees zurück zu kehren.

Jetzt wollen Sie gemeinsam mit einer Schüler/innen-Gruppe Gemüse im Weltraum anbauen. Warum?

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Schüler/innen im Labor. Foto: Sarah Schleiblinger.

Mir persönlich geht es in erster Linie darum den Schülern aber auch der Bevölkerung in Deutschland zu zeigen, dass die Raumstation eigentlich jedem offen steht und man auch mit relativ geringem Budget Forschung auf der Raumstation betreiben kann. Durch meine Arbeit mit der NASA und der amerikanischen Firma NanoRacks habe ich Einblick in einige amerikanische Highschool Projekte bekommen und ich war wirklich sehr beeindruckt welche Fragestellungen die Schüler untersuchen und mit welchen technischen Lösungen sie dies verwirklichen. In den USA sind Schülerprojekte auf der ISS weit verbreitet und populär wohl auch weil die entsprechenden Möglichkeiten und Rahmenbedingungen geschaffen worden sind. Ich möchte mit meinen Schülern darauf aufmerksam machen und das Bewusstsein der Forschungsmöglichkeiten auf der ISS auch bei uns bekannter machen. Auch deutschen Schülern und Studenten sollte es möglich sein weltraumspezifische Fragestellungen wirklich untersuchen zu können.

Was ist die Aufgabe der Schüler/innen im Projekt?

Die Schüler übernehmen in unserem Porjekt V3PO gänzlich den wissenschaftlichen Teil. Angefangen von der Experimentidee entwickeln sie zur Zeit in ihren Schullabors den bestmöglichen und erfolgreichen Ablauf eines möglichen ISS Experiments. Insbesondere die Fragen nach einer geeigneten Pflanze, der richtigen Beleuchtung, des Nährmediums und die Auswahl eines Fungizides stehen hier um Focus. Ich unterstütze sie lediglich dabei, welche besonderen Punkte sie ihm Zusammenhang mit der Schwerelosigkeit und dem Transport zur Raumstation sowie dem Rücktransport zu beachten haben. Auch sämtliche Analysen und Ergebnissauswertungen nach Rückkehr aus dem All werden von den Schülern durchgeführt.

Wie kam es zu V3PO? Waren Sie von Anfang an dabei?

Meine Frau Barbara arbeitet an der Edith-Stein-Schule in Ravensburg und als ich ihr von den Möglichkeiten der amerikanischen Schüler berichtet habe, hat Barbara mich mit ihrer Kollegin Brigitte Schürmann bekannt gemacht, die regelmäßig Jugend forscht Gruppen betreut. Ich ermutigte Brigitte mit den Schülern eine Experimentidee zu erarbeiten, welche ich dann mittels meiner Kontakte an NanoRacks weiterleitete. Die Experimentidee stieß durchweg auf begeistertes Feedback, so dass sich diese Flugoption ergab. Möchte man wirklich einen Anfang beziffern, so war dies wohl im Juli 2013, als ich Brigitte bei einem Tag der offenen Tür hier bei Airbus in Friedrichshafen bereits geflogenen Experimente zeigte und die grundsätzliche Idee Gestalt annahm. Die Schülergruppe arbeitet seit diesem Schuljahr, also seit Herbst 2014, an dieser konkreten Experimentidee.

Warum ist es wichtig, dass sich Astronauten nicht nur aus den bekannten Tütchen und Fläschchen ernähren?

Insbesondere bei Langzeit-Missionen (ISS) und -Flügen (z.B. Mars) spielt auch das Wohlbefinden der Astronauten eine entscheidende Rolle für eine erfolgreiche Mission. Ich glaube es ist für jeden vorstellbar, dass richtiges, frisches Essen zu diesem Wohlbefinden beitragen kann. Aber auch die gleichmäßig qualitative Vermehrung ist ein entscheidender Punkt für die Planung solcher Missionen. Es ist eine einfache Rechnung, alles was von selber wächst, nachwächst und geerntet werden kann muss nicht bereits am Anfang in das Raumfahrtsystem der Astronauten geladen und damit in den Orbit gebracht werden.

Welche Ziele verfolgen Sie langfristig mit dem Projekt?

Ich möchte verdeutlichen, dass es mittlerweile auch einen kommerziellen und sehr einfachen Zugang zur Raumstation gibt. Mittels dieser Kanäle ist es nun tatsächlich grundsätzlich für jeden möglich auf der Raumstation Forschung zu betreiben. Nicht umsonst wirbt z.B. die Firma NanoRacks mit dem Slogan „Space for everyone“.

War die Crowdfunding-Idee von Anfang an da, oder haben Sie zunächst andere Wege der Finanzierung gesucht?

Natürlich haben wir zunächst den Kontakt zur esa und dem DLR gesucht. Aber auf Grund der Tatsache, dass meine Schüler am „Jugend forscht“ Wettbewerb teilnehmen möchten haben diese beiden Institutionen wohl die Pflicht zur Neutralität und möchten keinen Wettbewerbsteilnehmer durch gezielte Förderung in den Vordergrund stellen. Wiederum in den USA gibt es bereits eine Vielzahl von wissenschaftlichen und gemeinnützigen Projekten, die über Crowdfunding Platformen wie z.B. experiment.com realisiert wurden. In Deutschland sind erste Start-up Ideen mit z.B. Kickstarter.de gestartet worden, jedoch mit hauptsächlich kommerziellen Background. Mit www.sciencestarter.de haben wir dann aber doch eine entsprechende deutschsprachige Seite gefunden, die eben diesen wissenschaftlichen und gemeinnützigen Ansatz vertritt. Auch passt die Crowdfunding Idee hervorragend zu der Idee die Raumstation jedem zugänglich zu machen.

Aktuelle Infos zum Projekt 

Zum Funding hier entlang

TUM Institut für Luft- und Raumfahrt

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