Zirkuläre Wirtschaft und die Universität: Ein Beitrag aus dem Projekt „Digitainability“

Erwärmung des Klimas, Verknappung endlicher Ressourcen, Verlust der Biodiversität: Nicht erst seit gestern wissen wir, dass die Art und Weise, wie Menschen auf dieser Welt leben und wirtschaften, den Fortbestand der Biosysteme gefährdet.[i] Ein Umdenken in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft ist deshalb dringend erforderlich. Doch wie kann die Maxime der Nachhaltigkeit in das tägliche Handeln übergehen?

In diesem Blogbeitrag soll ein Konzept vorgestellt werden, bei welchem Nachhaltigkeit nicht mehr nur eine individuelle Entscheidung von Konsumenten ist, sondern das versucht, nachhaltiges Wirtschaften durch Zirkularität für alle Güter und Produkte als grundsätzlichen Zustand einer Wirtschaft zu etablieren. Was bedeutet das Konzept einer zirkulären Wirtschaft (Circular Economy)? Wie kann es angewendet werden? Und welche Rolle können Universitäten wie die Technische Universität München (TUM) dabei spielen?

„Take, Make and Waste“ – darauf ist unser derzeitiges Produktions- und Konsumverhalten ausgelegt. Doch mittlerweile ist offensichtlich, dass dieses lineare Denken den Planeten Erde an die Grenzen seiner Belastbarkeit bringt – bzw. darüber hinaus.[ii] Um die notwendigen tiefgreifenden Veränderungen in Angriff zu nehmen und die Transformation in Wirtschaft und Gesellschaft voranzutreiben, kann das Konzept der Circular Economy einen ganzheitlichen Ansatz bieten. In seinem Zentrum steht die Forderung, dass das Wirtschaftswachstum vom Ressourcenverbrauch entkoppelt werden muss. „Müll“ gibt es so nicht mehr, stattdessen wird der Ressourcenverbrauch reduziert und Rohstoffe werden im Kreislauf geführt und immer wieder einem neuen Verwendungszweck zugeführt. Im Gegensatz zum herkömmlichen Recycling werden Ressourcen am Ende ihrer ersten Nutzung als qualitativ gleichwertiger Rohstoff für die Weiterverwendung gesehen. Zwar stellt das Recycling eine frühe Ausprägung der Kreislaufwirtschaft dar, aber die zirkuläre Wirtschaft zielt darauf, die Kreislaufnutzung auf das ganze Wirtschaftssystem auszuweiten. Aktuell landet beispielsweise ein Großteil des produzierten Plastiks entweder auf der Mülldeponie oder, schlimmer noch, in der Umwelt.[iii] Das zum größten Teil aus neuen Ressourcen hergestellte Plastik wird nur selten recycelt. Hier besteht oftmals das Problem, dass diese Rezyklate von minderwertiger Qualität sind und gleichzeitig der Aufwand für das Recyling so groß ist, dass es im Vergleich zur linearen Verwendung von neuem Rohmaterial wenig lukrativ ist. Mit der Einführung einer zirkulären Wirtschaft könnten sich neue Schwerpunkte beim Umgang mit Plastik herausbilden: das Vermeiden eines unnötigen Einsatzes von Plastik; das Re-Design des Materials, damit bei einem unvermeidbarem Einsatz von Plastik ausschließlich recyclingfähiges, wiederverwendbares oder kompostierbares Material verwendet wird; schließlich das möglichst lange Halten der ursprünglich eingesetzten Ressourcen in einem wirtschaftlichem Kreislauf.[iv]

Obwohl es vor allem Produkte und Dienstleistungen sind, die für eine zirkulären Wirtschaft durch Unternehmen neu gedacht und neu designt werden müssen, können auch Universitäten eine wichtige Rolle auf dem Weg hin zu einer breiten Anwendung der Circular Economy spielen. Denn eine zirkuläre Wirtschaft betrifft eben nicht nur einzelne Produkte hier und da, sondern erfordert ein ganzheitliches, interdisziplinäres Umdenken. Es braucht neue Geschäftsmodelle, neue Produktdesigns, ein neues, zirkuläres Verständnis für Rohstoffe bei Unternehmen und Kunden, neue Möglichkeiten der Produktion und des Konsums und neue Prozesse und Verfahren der Wiederaufbereitung am Ende der ersten, zweiten und n-ten Nutzungsphase.  

Der Wandel von einer „cradle to grave“-Logik, also dem linearen Prozess von der Herstellung eines Produkts bis zu dessen Ende auf der Mülldeponie, hin zu einem geschlossenen Kreislauf von Produkten betrifft viele Querschnittsthemen und Disziplinen. Für die Umsetzung einer zirkulären Wirtschaft sind weitere Forschungsaktivitäten erforderlich. Um die Kreisläufe schließen zu können, fehlen beispielsweise noch kreislauffähige Produkte, umfassende und breit anwendbare Sammlungs-, Sortier-, und Trennverfahren für die Wiederaufbereitung von Materialien, neue Kriterien und noch zu definierende Anforderungen an Qualität von recycelten Rohstoffen oder eine grenzüberschreitende Nachverfolgbarkeit von Materialien und Rohstoffen durch digitale Produktpässe von Gütern.[v] Universitäten wie die TUM können zu diesen Forschungsvorhaben mit umfangreicher und breiter Expertise beitragen, indem die einzelnen Forschungsbereiche besser miteinander verknüpft und auf interdisziplinäres Zusammenarbeiten ausgerichtet werden. Die TUM hat in dieser Hinsicht bereits erste Schritte unternommen. So wurde beispielsweise das interdisziplinäre Cluster „circulaTUM“ mit dem Ziel eingerichtet, Wissen und Kompetenzen im Bereich zirkulären Wirtschaftens zu bündeln und zielgerichtet einzusetzen.

Auch die Etablierung von Lehrstühlen und die Schaffung neuer Lehrveranstaltungen rund um das Thema der Circular Economy sind wichtige Schritte, um den zirkulären Gedanken an Studierende aller Schools und Fakultäten weiterzugeben. Dieser Gedanke ist bereits im Selbstverständnis der TUM angelegt. Ihre Mission beschreibt sie dahingehend, dass Kompetenzen der unterschiedlichen Disziplinen wie der Ingenieurs- und Naturwissenschaften oder Wirtschafts-, Geistes- und Sozialwissenschaften gebündelt werden sollen, um nachhaltige Forschung und Wissenstransfer in Kooperationen, Lehre und auch Unternehmen einbringen zu können.[vi] Gerade für das nachhaltige Konzept der zirkulären Wirtschaft, das einen tiefgreifenden Wandel in nahezu allen gesellschaftlichen Dimensionen erfordert, müssen heute die Umsetzerinnen und Umsetzer von morgen ausgebildet werden. Durch eine Verankerung des Circular-Economy-Gedankens in den Lehrinhalten können viele interdisziplinäre Verknüpfungen entstehen, neue Ideen entwickelt werden, die Umsetzung der zirkulären Wirtschaft durch Studierende aktiv gestaltet werden und so das Selbstverständnis der TUM, nachhaltige Entwicklungen für die Gesellschaft zu unterstützen, umgesetzt werden.[vii]

Neben den beiden Kernbereichen Forschung und Lehre gewinnt das breitgefächerte Spektrum weiterer Funktionen einer Universität immer mehr an Relevanz. Unter dem Begriff „Third Mission“ werden viele weitere Aktivitäten zusammengefasst, wobei die Schwerpunkte durch die Universitäten selbst gewählt werden. In diese Kategorie fallen zum Beispiel der Wissens- und Technologietransfer, regionales soziales Engagement oder Weiterbildungsangebote im Bereich des lebenslangen Lernens. Die Diffusion einer zirkulären Wirtschaft in alle gesellschaftlichen Bereiche muss erst noch erfolgen, und dazu können Universitäten im Rahmen ihrer „dritten Mission“ beitragen, ähnlich wie es bei anderen Innovationen auch geschehen ist. Aus der Zusammenarbeit und Interaktion mit gesellschaftlichen Akteuren, Unternehmerinnen und Unternehmern oder auch Politikerinnen und Politikern bildet sich Feedback heraus, welches dann wiederum die weitere Entwicklung der Technologien und Prozesse formen kann, um am Ende zu einem Konsens zu kommen.[viii] Mit der breiten Vielfalt an unterschiedlichen Forschungsbereichen und deren Kompetenzen können Universitäten, zusammen mit außeruniversitären Forschungseinrichtungen, zentrale Knotenpunkte darstellen, um neue Technologien zu entwickeln und deren Machbarkeit zu demonstrieren. Durch die Ausbildung von Studierenden und die Ermöglichung von Projekten und Kooperationen kann Wissen über eine zirkuläre Wirtschaft auch in Zusammenarbeit mit Unternehmen vertieft und verbreitet werden.[ix]

Wenn der Wandel hin zu einer zirkulären Wirtschaft gelingen und die Universität diesen aktiv mitgestalten soll, braucht es also eine starke Integration des Konzeptes:

  • in Forschung und Lehre z.B. durch auf zirkuläre Wirtschaft ausgerichtete Lehrstühle oder Forschungsvorhaben in trans- und interdisziplinären Verbünden sowie durch die Integration von Circular-Economy-Inhalten in die Lehrpläne der Studierenden aller Disziplinen;
  • in den universitären Alltag durch die Förderung von studentischen Initiativen, die Ausschreibungen von Wettbewerben mit Fördergeldern oder Reallaboren für zirkuläre Projekte, durch transparente Kommunikation über neue Projekte und den aktuellen Status quo sowie durch die Umsetzung von Demonstrationsprojekten, um universitätsintern auf ein Schließen der Kreisläufe hinzuarbeiten und eine zirkuläre Wirtschaft als Zielvorstellung in Nachhaltigkeitsüberlegungen einzubinden;
  • in den Wissens- und Technologietransfer der Universität durch Kooperationen in Projekten mit gesellschaftlichen, politischen und unternehmerischen Akteuren mit dem Ziel, auf Zirkularität hinzuwirken, Expertise und Know-how über wissenschaftliche Ergebnisse und anwendungsbezogene use cases auszutauschen, und die Verbreitung einer Circular Economy durch neue Ideen in innovative Start-ups zu erreichen.

Eine zirkuläre Wirtschaft bietet für Wissenschaft, Wirtschaft und Politik eine große Chance, Prozesse neu und nachhaltig zu denken, und dabei in eine Zukunft zu aufzubrechen, die auch für die folgenden Generationen noch ebenso lebenswert ist wie für derzeitige. Universitäten, insbesondere die TUM, können dabei demonstrieren, wie an moderne Universitäten in Zukunft geforscht, gelehrt und gearbeitet wird, wie durch Interdisziplinarität und mit Diversität neue Projekte geschaffen werden, die eine nachhaltige Welt mit zirkulären Prozessen ermöglichen.


[i] The Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), „Global Warming of 1.5 oC — An IPCC special report on the impacts of global warming of 1.5 °C above pre-industrial levels and related global greenhouse gas emission pathways, in the context of strengthening the global response to the threat of climate change, sustainable development, and efforts to eradicate poverty.“, 2018, https://www.ipcc.ch/sr15/.

[ii] Johan Rockström u. a., „Planetary Boundaries: Exploring the Safe Operating Space for Humanity“, Ecology and Society 14, Nr. 2 (2009), https://doi.org/10.5751/ES-03180-140232; The Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), „Global Warming of 1.5 oC — An IPCC special report on the impacts of global warming of 1.5 °C above pre-industrial levels and related global greenhouse gas emission pathways, in the context of strengthening the global response to the threat of climate change, sustainable development, and efforts to eradicate poverty.“

[iii] Ellen MacArthur Foundation, „Plastics and the circular economy“, 10. Juni 2021, https://www.ellenmacarthurfoundation.org/explore/plastics-and-the-circular-economy.

[iv] Ebd.

[v] Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT, „Studie zur Circular Economy im Hinblick auf die chemische Industrie“, 2017, https://www.umsicht.fraunhofer.de/content/dam/umsicht/de/dokumente/publikationen/2017/zirkulaere-wirtschaft-fuer-chemische-industrie-gesamtstudie.pdf; Circular Economy Initiative Deutschland, „Circular Economy Roadmap für Deutschland“, 2021, https://www.circular-economy-initiative.de/english.

[vi] TUM, „Mission Statement“, TUM, 2021, https://www.tum.de/en/about-tum/our-university/mission-statement/.

[vii] Ellen MacArthur Foundation, „Higher Education“, 2021, https://www.ellenmacarthurfoundation.org/our-work/activities/universities.

[viii] Isabel Roessler, Sindy Duong, und Cort-Denis Hachmeister, „Welche Missionen haben Hochschulen? Third Mission als Leistung der Fachhochschulen für die und mit der Gesellschaft“, Arbeitspapier (Centrum für Hochschulentwicklung (CHE), 2015), https://www.che.de/wp-content/uploads/upload/CHE_AP_182_Third_Mission_an_Fachhochschulen.pdf.

[ix] Ebd.

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